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Blog 04 Reha und Physiotherapie

Nachdem die Wunderschrauben aus Amerika auch nicht das gelbe vom Ei waren, und die Brüche nach etlichen Wochen noch immer nicht heilen wollten, wurden diese in einer weitern OP (die dritte) entfernt und durch eine Metallplatte ersetzt. Dies bedeutete, alles wieder von vorne, neuer Gips, Drainageschläuche, Nähte, Wundschmerzen und mindestens zwei Wochen im Bett liegen. Das erste Aufstehen nach dem langen Liegen war immer eine Herausforderung, alleine ging es sowieso nicht, da half immer eine Physiotherapeutin. Wobei es in den ersten zwei bis drei Tagen immer nur darum ging, mit dem Gipsbein den Boden zu berühren, sitzend auf der Bettkante und zu hoffen, dass man nicht Ohnmächtig wird. Das Blut schießt in das Bein und Zehen laufen ganz blau an, irgendwie dürfte das mit der Blutzirkulation nicht auf Anhieb funktionieren, aber der Körper lernt meist recht schnell mit neuen Situationen umzugehen. Das gehen mit Krücken fiel mir nie schwer, durch die vielen Monate Training ist das wie Radfahren oder Schwimmen, wenn man es einmal kann, verlernt man es nicht mehr. Wobei es hier auf die Technik ankommt, wenn der Gips zu einem Gehgips wird, und unten an der Ferse ein Stoppel verankert wird, dann muss man das Bein immer leicht schräg halten, da es ja dann länger ist als das Standbein. Es hat nicht lange gedauert, bis sich diese Sache von selbst erledigt hat. Da ich noch voll im Wachstum stand, bin ich immer größer geworden, nur das linke Bein blieb ungefähr so wie zum Zeitpunkt des Unfalls. Die Wachstumsfugen im Hüftbereich waren durch den Trümmerbruch total zerstört. Am Unterschenkel stellte sich mit den Jahren auch eine erhebliche Anomalie ein, es bog sich wie eine Banane durch und direkt unter dem Knie entstand eine Stufe. Man stellte fest, dass bei der allerersten Operation der Nagel für den Flaschenzug ein wenig schräg platziert wurde und somit die Wachstumsfugen des Schienbeins zerstört. Das Wadenbein wuchs ganz normal weiter, was diese Biegung zur Folge hatte. Insgesamt war ich vier Jahre im KH Mödling in Behandlung. Immer unter der persönlichen Aufsicht des Primar, der es sich zum Ziel gesetzt hatte, diesen medizinisch noch nie dagewesen Fall zu behandeln. Nach 4 Operationen gab er auf, mit der Erkenntnis, dass die Brüche nur rudimentär geheilt waren, das sah man auf den Röntgenbildern, die statt eines satten weiß immer nur einen leichten Grauschimmer aufwiesen. All die Versuche wie Fixation durch den Flaschenzug, Ruhigstellung mittels Beckenbeingips und auch Entfernung jeglicher Stütze und der Hoffnung mittels Teilbelastung den Knochen zum Verdichten zu bewegen blieben größten Teils ohne Erfolg. Bei jedem Besuch in der Ambulanz, wenn ein Röntgentermin anstand, war allen Beteiligten die Anspannung anzumerken, wird es wohl diesmal eine Verbesserung geben? Mittlerweile hatte ich eine Beinlängendifferenz von zehn Zentimetern, trug orthopädisch angefertigte Schuhe, welche trotz jeder Bemühung des Orthopädieschuhtechnikers nicht sonderlich hübsch waren und hatte einen enormen Muskelschwund am linken Bein. Wenn der Gips entfernt wurde musste ich aufpassen, dass ich in der Ambulanz nicht in Zugluft kam, denn stand ein Fenster offen, und öffnete sich die schwere Schiebetüre, dann war ich nicht im Stande aus eigener Kraft das Bein zu halten, es schwankte hin und her wie ein Blatt im Wind. Monatelang ging ich regelmäßig zur Physiotherapie um gehen zu lernen, immer und immer wieder. Nach jeder Operation, wenn der Gips entfernt wurde hieß es, schön langsam wieder zu lernen auf beiden Beinen zu stehen und einen Fuß vor den anderen zu setzten. Einfache Übungen wie ohne zur Hilfenahme der Hände, sich im Bett aufzusetzen und die Beine baumeln zu lassen, verursachten Schweißausbrüche und enorme Schmerzen. Ganz abgesehen von der Starre die sich eingestellt hatte. Alles schien wie eingerostet, die Sehnen waren steif und alles unbeweglich. Stundenlang pro Tag hat man mir die Motorschiene ins Bett gestellt und versucht mit dieser Unterstützung die Gelenke, Muskeln und Sehnen daran zu gewöhnen wieder abzuwinkeln. Da man im Krankenhaus nicht wirklich viel anderes zu tun hatte, lag meine vollste Konzentration bei der Rehabilitation. Die Vorgaben des Ärzteteams waren immer die selben, wenn du soundso viel Grad das Bein abwinkeln kannst, den Fuß beim Gehen mit den Krücken schön abrollen lässt, das Gangbild gleichmäßig ist, dann darfst du nach Hause gehen. Das war immerhin Ansporn genug. Denn ich musste nach wie vor auf der Unfallabteilung mein Bett beziehen, jetzt allerdings nicht mehr, weil das Bett für die Kinderabteilung zu groß gewesen wäre, sondern weil ich unter der Obhut des Primars stand, und dieser öfter auf der Unfallstation zu tun hatte. Er kam auch öfter mal zwischendurch bei mir vorbei, um meine Fortschritte zu begutachten. Diese extra Aufmerksamkeit war mir schon ein wenig unangenehm wenn auch schmeichelhaft. Aber die anderen Patienten fühlten sich manchmal dadurch benachteiligt und taten dies auch kund. Nach meiner dritten oder vierten OP lag ich mit einer Ballerina im Zimmer, sie war knapp zwanzig Jahre alt und aus meiner Sicht ganz arm dran. Sie war Italienerin und hatte in Wien einen Auftritt. Auf dem Weg zurück nach Italien wurde sie Opfer eines Attentats am Schwechater Flughafen. Zwei maskierte Männer kamen über die Rolltreppen in die große Abflughalle und schossen mit ihren Maschinengewehren wahllos in die Menschenmenge. Das Mädchen wurde mehrfach getroffen, lag nun in Österreich im Krankenhaus, verstand kaum Deutsch und wurde mittels Dolmetscherin darüber informiert, dass sie nie wieder wird tanzen können. Sie konnte sich tagelang nicht motivieren aufzustehen, verweigerte die Krücken und weinte lautlos Tag und Nacht. Damals hab ich mir gedacht, wie gut es mir geht. Ich war vielleicht grad mal elf oder zwölf Jahre alt und hatte in meinem jungen Leben noch keinen wesentlichen Sport gemacht. Schwimmen, Radfahren und im Winter ein wenig Skifahren, aber die Sportskanone war ich definitiv nie gewesen. Somit hat mir der Unfall diesbezüglich nicht viel genommen. Frei nach dem Motto, was man nicht kennt, kann man nicht vermissen. Die meisten anderen Patienten sind mir aus dieser Zeit nicht in Erinnerung geblieben. Das lag zum Teil daran, dass meine Aufenthalte immer recht ausgedehnt waren und meine Zimmernachbarn recht häufig wechselten. Man hört so viele Geschichten und Schicksale, und ja, eines gebe ich zu, man stumpft ein wenig ab, Muskeleinrisse, Meniskusoperationen oder eingerissene Seitenbänder haben mich irgendwann nicht mehr fasziniert. Die Dauer der Operation, die Größe der Narben, erforderliche Aufenthaltsdauer waren im Vergleich zu meinem erlebten Empfinden verschwindend gering. Erst viel später habe ich für mich gelernt, richtig damit umzugehen, dass jedes auch nur so kleine Schicksal, für die betroffene Person unendlich groß ist. Ich konnte mir zum Beispiel niemals vorstellen, mich freiwillig einer Mandeloperation zu unterziehen. Das erschien mir viel qualvoller als all meine Operationen, und viel zu nahe am Kopf. Ich stellte mir immer vor, bis zum Bauch bin ich kerngesund, nur die untere Hälfte meines Körpers hat ein Problem, und das auch nur auf einer Seite. Somit empfand ich es unterm Strich gar nicht so schlimm. Wie gesagt weiter oben wäre viel schlimmer gewesen, da fängt das krank sein ja schon früher an. Kinderlogik.

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