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Blog 05 Auf zu neuen Ufern

Nach vier Operationen hat der Primar für sich aufgegeben, alle Bemühungen haben nicht ausgereicht, um die Knochen heilen zu lassen. Ganz im Gegenteil, die enorme Längendifferenz und der verformte Unterschenkel machten ihn ratlos, oder ließen ihn an seine Grenzen stoßen. Bei einer Routineuntersuchung in der Ambulanz hat er meinen Eltern und mir mitgeteilt, dass er nicht länger für mich ärztliche Versorgung bieten kann. Er hat uns einen Spezialisten im orthopädischen Spital Speising empfohlen. Dieser hatte zu diesem Zeitpunkt schon alle Unterlagen erhalten und war über den Krankheitsverlauf detailliertest informiert worden. Es machte mir Angst, nach vier Jahren vollstem Vertrauen zu meinem Primar, jetzt einfach so übergeben zu werden. Rückblickend muss ich sagen, es war das Beste, was er für mich tun konnte, und vielleicht hätte eine frühere Einsicht, einiges erspart. Aber darüber darf man nicht zu viel nachdenken, was wäre wenn, diese Frage führt zu gar nichts und bereitet nur Kopfweh.

Wir vereinbarten einen Termin in Speising, wobei der erste Besuch, bei einem Arzt war, den ich danach nie wieder im Zusammenhang mit meiner Krankengeschichte gesehen habe. Wahrscheinlich war er nur die Vorhut, der die Erstinformationen zusammentragen soll, um den Chefarzt entsprechend zu briefen.

Ich verstand nicht, wozu genau wir dort waren. Der Arzt war mir unsympathisch und wahrscheinlich war ich auch schon ein wenig desillusioniert. Das ständige Hoffen auf ein Wunder, oder das Wirken der verordneten Therapien, egal was versucht wurde, die Knochen wollten nicht ausheilen. Zum damaligen Zeitpunkt war ich dreizehn Jahre alt, schwer in der Pubertät und gar nicht begeistert von der neuen Umgebung.

Erstmals wurde ich auf der Kinderstation untergebracht, die Schwestern waren zum Teil Nonnen und es herrschte ein viel strengerer Ton als ich es gewohnt war. In Mödling, war ich Stammgast und bei allen Schwestern und Ärzten bekannt und es war schon sehr vertraut alles. Aber es gab ein Jugendzimmer, das letzte Zimmer am Gang, quer zu allen anderen, mit fünf Fenstern und ebenso fünf Betten. Man hatte somit von jedem Bett aus freie Sicht auf die Dächer von Wien.

Der Grund der Operation war diesmal nicht der Hüftbereich, es ging darum die Beinlängendifferenz zu verkürzen. In den Vorgesprächen habe ich nie so ganz verstanden, wie das funktionieren soll und konnte es mir auch nicht vorstellen. Die Ärzte haben es wohl erklärt, aber keine Bilder gezeigt und mit all den medizinischen Fachbegriffen konnte ich nicht viel anfangen. Ich bin mir nicht sicher, ob meinen Eltern bewusst war, was genau mit mir gemacht wird, vielleicht war es auch die Hoffnung, jemanden gefunden zu haben, der helfen kann, egal wie diese Hilfe aussehen mag.

Am Abend vor der Operation habe ich mich mit den Mädels im Zimmer unterhalten, und jeder hat so von sich und seiner Geschichte erzählt. Eines war mir damals schon klar, dort war ich nicht mehr die Sensation, es gab durchaus auch noch andere Schicksale im orthopädischen Bereich, die ebenso langwierig und aufwendig waren. Ein Mädchen hatte O-Beine mit einem halben Meter Abstand zwischen den Knien. So etwas hatte ich noch nie zuvor gesehen. Ein junger Bursche hatte einen Arm der nur halb so lang war wie sein normaler anderer Arm. Meine Bettnachbarin hatte einen Illizarof-Apparat am Bein, eine andere einen Orthofix am Oberschenkel. Der Anblick war so grausam, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, wie man das aushalten kann. Beim Orthofix waren vier Eisenschrauben mit circa 5mm, seitlich am äußeren Oberschenkel durch das Fleisch bis in den Knochen geschraubt und mit einer circa 3cm dicken schwarzen Verbindungsstange fixiert. Diese war zweigeteilt, sodass man mit einem Imbusschlüssel die beiden Teile immer weiter auseinanderdrehen konnte und dadurch der Oberschenkel verlängert wurde. Schon die Erzählung wie das funktioniert lies mir Gänsehaut auflaufen. Optisch jedoch noch gruseliger war der Illizaroph-Apparat, benannt nach einem russischen Arzt, der diese Art von Knochenverlängerung erfunden hatte. Als ich mir dieses Gerät im Detail angesehen hatte, stand für mich fest, so etwas möchte ich nie bekommen, das geht gar nicht. Das Gerät war durch viele Stahlstifte mit dem Unterschenkel verbunden, unterhalb vom Knie und oberhalb vom Knöchel, durch und durch, Haut, Muskeln, Knochen, Muskeln, Haut. Befestigt waren die Stifte an Eisenringen die das Bein umfingen, ca. 20 oder 25cm im Durchmesser, diese waren vertikal mit Gewindestangen verstrebt. Ein rundum Käfig sozusagen, und in der Mitte genau war das Bein. Die Mädels behaupteten steif und fest, dass ich sicher auch eines dieser Dinge bekommen würde. Ich sah das anders, denn für den verbogenen Unterschenkel gab es sicherlich andere Methoden. Die Nacht war dem entsprechend unruhig, denn da war mir dann so richtig bewusst, dass ich nicht wusste, was auf mich zukam.

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