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Blog 11 Der Kampf mit der Bürokratie

Nachdem das Gericht ein Urteil gesprochen hatte und festgelegt wurde, dass ich für alle Folgeschäden des Unfalls finanziell schadlos zu halten bin, stehe ich im lebenslangen Kontakt mit meinem Rechtsanwalt, und dieser wiederum mit der gegnerischen Versicherung.

Nach dem OP Marathon wurde mir rund 1 Million Schilling an Schmerzensgeld zugestanden. Für elf Operationen, monatelanges Tragen eines Beckenbeingipses, abartigen Schmerzen über Monate der Beinverlängerung, jahrelanges Gehen mit Krücken und allgemein für 6 Jahre die ich mehr im Krankenhaus als zu Hause verbracht habe. Darin war auch eine sogenannte Heiratsverminderung inkludiert – Ich danke an dieser Stelle meinem Ehemann, dass er mich so liebt wie ich bin, mit meinen verbogenen Knochen, den insgesamt 50cm Narben auf meinem Körper und all meiner körperlichen Beeinträchtigung, sowie den psychischen Eigenheiten die sich über die vielen Jahre tief eingeprägt haben.

Jetzt reiche ich jährlich die Kosten für die wöchtenliche Massage ein, die ich dringend benötige, da ich nach wie vor mit 4 Zentimeter Beinlängendiffernz durchs Leben laufe und dies zu enormen Haltungsschäden führt und selbstverständlich auch Schmerzen verursacht. Ich liebe es Barfuß zu laufen, das bedeutet dann aber keinen Höhenausgleich und somit direkte Auswirkung auf die Wirbelsäule. Dank Alfred, meinem Masseur, der mich nun schon seit neun Jahren begleitet und dem konsequenten Training (aber dazu in einem anderen Beitrag mehr) haben wir die derzeitige Situation gut im Griff. Nicht, dass es komplett schmerzfrei ginge, wenn ich immer Schuhe mit Höhenausgleich tragen würde, aber besser wäre es wahrscheinlich schon. Aber ja, was wäre nicht alles besser,… Schokolade ist auch nicht gut für die Figur und schmeckt trotzdem verdammt gut!

In den vergangenen Jahren habe ich versucht mit Hilfe einer Psychologin mein Unfallthema aufzuarbeiten, auch ein NLP Coaching habe ich gemacht. Das Ergebnis war, dass die Versicherungsgesellschaft die Übernahme dieser Kosten abgeleht hat, da kein kausaler Zusammenhang mit dem Unfall festzustellen ist!

Mal ganz ehrlich, würde der Unfall in der heutigen Zeit passieren, wäre vieles anders. Eltern dürfen heute ganz selbstverständlich bei ihren Kindern im Krankenzimmer bleiben und ihnen beistehen. Es gibt die Möglichkeit direkt nach dem Geschehnis mit einem Traumatologen zu sprechen um die psychischen Folgeschäden so gering wie möglich zu halten. Wenn man nach 30 Jahren sagt, ich erkenne, dass ich dieses Thema noch nicht abgeschlossen habe und möchte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, wird dies nicht anerkannt.

Abgesehen davon, dass ich nach wie vor fast täglich daran erinnert werde, dass ich „anders“ bin. Herrlich ist es, wenn ich von fremden Dritten angesprochen werden „haben Sie sich weh getan, Sie hinken ja“ – ja, das ist schon in Ordnung so, das liegt schon 30 Jahre zurück – ich hinke immer, mal mehr mal weniger, je nach Tagesverfassung und Wetterlage. Ja, je nach Wetterlage – ich spüre Wetterumschwünge und dies meist in Form von Schmerzen, Knochenschmerzen, nicht Muskelschmerzen, und ja, diesen Unterschied kann ich deutlich fühlen.

Schuhe kaufen ist eine Odysee. Ich muss meine Schuhe alle orthopädisch aufbereiten lassen und kaufe somit nicht nach dem Motto – gefällt mir, passt, gekauft – nein, ich muss jeden Schuh danach aussuchen, ob er aufbereitet werden kann und ob er mir dann auch noch gefällt. Leider passiert es mir ab und an, dass ich mir Schuhe aussuche, die mir super gut gefallen, und ich mir einbilde, dass sie sicher umgebaut werden können. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn der Schuhtechniker dann sagt, dass dies nicht möglich ist. Ganz ehrlich, nicht einmal bin ich wutschnaubend aus dem Geschäft gerannt und habe Gott und die Welt verflucht. Wenn einem die Grenzen immer wieder aufgezeigt werden und die Bandbreite des Möglichen einfach nur sehr gering ist, da ist Frust und kurzfristige Verzweiflung vorprogrammiert. Somit gehöre ich zu der Minderheit der Frauen, die nicht gerne Schuhe kaufen geht.

Ich empfinde es als absolute Frechheit, wenn ich alle paar Jahre mal ein Angebot für eine endgültige Abfertigung von der Versicherung erhalte. Zum Beispiel 10 TEUR und damit sollen dann alle Kosten ein Leben lang abgegolten sein. Es ist mir bewußt, dass hinter dem Schreibtisch der Versicherung ein Mitarbeiter sitzt, dessen Aufgabe es ist, Kosten zu sparen. Aus wirtschaftlicher Sicht kann ich das sehr gut verstehen, aus menschlicher Sicht ist es eing Geringschätzung und Beleidigung gegenüber meiner Person.

So Gott will, habe ich noch mein halbes Leben vor mir – eine künstliche Hüfte ist der nächste Schritt, wann auch immer. Mit zunehmenden Alter wird es auch immer schwieriger das Muskelkorsett aufrecht zu halten und somit die Schmerzen im Griff. Wahrscheinlich werde ich immer mehr Aufwand betreiben müssen, um mir meinen jetzigen Zustand zu erhalten. Es ist noch immer nicht vorbei und wird es auch nie sein, somit kann man mir anbieten wieviel auch immer, ich werde nicht zustimmen, denn ich kann nicht in die Zukunft sehen – bin mir aber einer Sache ganz sicher, das Leben geht weiter – egal wie!

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